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Das Interview

«Es macht keinen Sinn, Schrauben selber herzustellen»

Der Geschäftsführer und der Portfolio-Verantwortliche der SVC – AG für KMU Risikokapital (SVC AG) diskutieren die Bedeutung der Digitalisierung für die Portfoliogesellschaften.

Die Wirtschaft mag Modebegriffe: ist «Digitalisierung» nur der letzte Hype oder wird es die Welt tatsächlich nachhaltig verändern, wie viele Experten voraussagen?  

Suter: Es ist ein Begriff, der breit genug ist, um alles darunter zu subsummieren, was irgendwie mit Bits und Bytes zu tun hat – doch dass Computer die Welt verändern, wissen wir seit 30 Jahren. Aber es ist definitiv so, dass wir zurzeit eine neue Technologie-Welle erleben, die unglaubliche Chancen bietet: Ein Schweizer KMU kann komplexeste Produktionsabläufe oder Distributionsnetze rund um die Welt aufbauen und managen. Das war noch vor wenigen Jahren nur den grossen, globalen Firmen vorbehalten.
Naumann: Digitalisierung ist schlicht die neue Realität. Wobei ich interessant finde, dass diese neuen Technologien sowohl die Einnahme-, als auch die Kostenseite betreffen können: Einerseits bietet die Digitalisierung grosse Chancen durch neue smarte Produkte und Geschäftsmodelle. Das ganze App-Business ist für mich ein Paradebeispiel, wie man den digitalen Wandel für Geschäftserfolge nutzen kann. Andererseits verändert beispielsweise das Internet of Things die bisherigen Produktions- und Serviceprozesse, indem Maschinen ihre Daten über beliebige Entfernungen senden und empfangen können, mit ganz neuen Möglichkeiten für Service- und Wartungsmodelle beim Kunden.

In der digitalen Welt spricht man oft vom «Winner takes it all»-Prinzip. Ist das eine Gefahr für die Schweizer KMU? 

Suter: Da der Heimmarkt sehr überschaubar ist, sind sich auch kleinste Firmen in der Schweiz schon lange gewohnt, im internationalen Wettbewerb zu bestehen. Nimmt die Globalisierung weiter zu, haben sie eher einen Vorteil, denn sie haben viel Erfahrung in diesem Umfeld.  

Nutzten die Firmen der SVC AG diese Chancen?

Naumann: Ja. Die meisten Projekte, die wir heute prüfen, haben eine wesentliche digitale Komponente.
Suter: Ein schönes Beispiel aus unserem aktuellen Portfolio ist Les Toises / Gammed SA, welche die ärztliche Betreuung mit starker digitaler Unterstützung in den Prozessen vornimmt.

Wie steht es um gestandene KMU, haben diese bisweilen Mühe mit der digitalen Transformation?

Suter: Die Faustregel lautet: Je grösser der eigene Radius ist, desto mehr ist die Firma auf die Automatisierung oder Digitalisierung angewiesen. Je lokaler, desto mehr kommt man analog noch durch. Aber ich würde mich nicht zu sehr auf diesen «Handwerkermodus» verlassen: Am Ende des Tages ist es der Kunde, der diktiert. Wenn die Firma nicht zum Preis liefern kann, den die Kunden bereit sind zu zahlen, ist sie weg vom Fenster. 
Naumann: Die Firmen müssen heute ganz genau wissen, in welchem Teil der Wertschöpfungskette sie einen Unterschied machen können und alles andere kompromisslos auslagern. 

Der zentrale Auftrag der SVC AG lautet, Arbeitsplätze in der Schweiz zu erhalten oder zu kreieren. Führt die Digitalisierung nicht genau zum Gegenteil? 

Naumann: Ganz klar, Mitarbeitende können ihre Arbeit verlieren, weil ihre bisherige manuell geprägte Tätigkeit von einem Computer übernommen oder dank einer neuen Technologie ausgelagert werden kann. Ich bin aber sicher, dass dieser Verlagerungsprozess für die Schweiz als Ganzes in einem Plus an Arbeitsplätzen enden wird. Die Digitalisierung ermöglicht einem hochtechnologisierten Land mit ausgezeichneten Hochschulen auch enorme Möglichkeiten neue Arbeitsplätze zu schaffen. Und das sage ich nicht nur, weil ich gleich neben dem Google Büro in Zürich arbeite. 

Herr Suter, Sie betreuen die Firmen im Portfolio der SVC AG. Was sind Ihre drei wichtigsten Tipps für Unternehmerinnen und Unternehmer? 

Suter: Erstens, «kenne deine Kunden». Diese verändern sich ständig – und da musst du dabei sein. Du musst sie und ihr Geschäft wirklich verstehen. Das ist nicht die Stärke unserer KMU. Die sind oftmals sehr stolz auf ihre blitzblanken Fabrikhallen, die unglaubliche Präzision ihrer Lösungen und die grosse Pünktlichkeit – aber vielleicht würde dem Kunde eine weniger genaue Lösung reichen oder er hätte lieber ein breiteres Sortiment. Zweitens, «besinne dich auf deine vermarktbaren Stärken»: Es macht keinen Sinn, Schrauben selber herzustellen oder ein eigenes Buchhaltungssystem zu programmieren – für beides gibt es sehr gute und preiswerte Lösungen im Markt. Man muss sich auf das konzentrieren, das Marge gibt. 

Und Drittens?

Suter: «Wähle die besten Leute und schenke ihnen Vertrauen». Je komplexer und digitalisierter die Welt ist, desto höher auch die Ansprüche an die Mitarbeitenden. Beispielsweise verändern sich die Kundenbedürfnisse rasend schnell, das müssen die Mitarbeitenden mittragen. 
Naumann: Vielleicht noch eine Ergänzung: Denke früh an die Nachfolge. Wir haben auch Nachfolgeregelungsfälle bei der SVC AG. Die Erkenntnis aus diesen ist, dass man das Thema nicht genügend früh angehen kann. 

Zuletzt, wie weit digitalisiert ist eigentlich die SVC AG selber?

Naumann (lacht): Noch nicht besonders. Unsere Digitalisierungsbemühungen beschränkten sich bisher auf die traditionellen Aspekte der Büroautomation. Aber wir machen Fortschritte – unser aktuelles Projekt in diesem Feld ist die Einführung eines papierlosen Dokumentenmanagement für unsere Verwaltungsrats- & Investment Committee Sitzungen. 

Frank Naumann ist CEO der SVC AG und Director bei der Credit Suisse (Schweiz) AG. Bei der Credit Suisse verantwortet er den Bereich Divisional Collaboration Support. Frank Naumann stiess 1999 zur Credit Suisse als Leiter der internen Beratung (Business Process Transformation) der Division Credit Suisse Private Banking.
Johannes Suter ist Gründungsmitglied der SVC AG und war deren erster CEO. Heute ist er Managing Partner und CEO der Helvetica Capital AG, die unter anderem das Portfolio der SVC AG betreut

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