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HYT

Wenn die Zeit verfliesst

Die Bieler Uhrenmanufaktur HYT hat die gegensätzlichen Welten von Wasser und Mechanik zusammengebracht: In der weltweit ersten hydromechanischen Uhr werden die Stunden durch eine farbige Flüssigkeit angezeigt.

Am Anfang werden sie für verrückt gehalten oder als Fantasten abgetan: Unternehmer-Pioniere haben oft keinen leichten Stand. Als Lucien Vouillamoz an der Landessausstellung Expo.02 gegenüber Freunden seine Vision skizzierte, die Zeit in einer mechanischen Armbanduhr mit Wasser anzuzeigen, wollte niemand so richtig daran glauben. Zwar gibt es Wasseruhren seit vielen Jahrtausenden, doch funktionierten sie bisher nur mit der Schwerkraft, indem das Wasser wie bei einer Sanduhr von einem höher in ein tiefer gelegenes Gefäss fliesst. Doch der Gedanke liess den Ingenieur und Tüftler Vouillamoz nicht mehr los, bis er Jahre später eine mögliche Lösung fand: Zwei elastische Tanks an den äusseren Enden eines runden, in sich geschlossenen Kapillarsystems sollten mit verschiedenfarbigen, sich nicht mischenden Flüssigkeiten befüllt werden. Wird ein Tank zusammengepresst, strömt dessen Fluid in das Kapillarsystem und zeigt die Zeit an, während das andere in seinen Tank zurückgedrängt wird. Die Trennung der beiden Flüssigkeiten wird durch die positive und negative Polarität sichergestellt. Sie stossen sich an ihrer Grenze wie Magnete ab.

Ein erfahrenes und komplementäres Team

Mit der Hilfe seines langjährigen Freundes Patrick Berdoz, einem erfahrenen Unternehmer aus dem Bereich der Medizinaltechnik, stürzte sich Vouillamoz ins Abenteuer. Berdoz erkannte das Potenzial der Idee und zog zusätzliche Ingenieure aus seinem Netzwerk hinzu. Gemeinsam wurden erste technische Spezifikationen erarbeitet. Mit Emmanuel Savioz stiess bald ein weiterer erfahrener Startup-Unternehmer zum Team. Das Unternehmen HYT wurde gegründet. Nach einem Jahr intensiver Forschungs- und Entwicklungsbemühungen konnte ein erster Prototyp realisiert werden. Auf dem Weg zur Luxusuhr mussten jedoch noch wichtige Weichen gestellt werden: So verfügten Vouillamoz, Berdoz und Savioz nun zwar über die grundlegende Technologie zur Herstellung einer Wasser-Armbanduhr, jedoch über keine Erfahrung in der Uhrenindustrie. Mit Vincent Perriard konnten sie schliesslich 2010 einen leidenschaftlichen Uhrmacher als CEO gewinnen, der viele Jahre bei renommierten Unternehmen wie Audemars Piguet, Concord oder Technomarine gearbeitet hatte. "Es war schon immer ein Traum von mir, mit Wasser und Mechanik zu arbeiten, weil dies zwei völlig gegensätzliche Welten sind", erklärt Perriard.

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Viele Herausforderungen gemeistert

"Die grössten Herausforderungen bestanden darin, eine Schnittstelle zwischen der mechanischen Bewegung im Uhrwerk und dem Fluidsystem zu finden, die beiden Systeme auf einem beschränkten Platz unterzubringen sowie sie perfekt miteinander interagieren zu lassen", blickt Berdoz zurück. Auch die Flüssigkeiten mussten zuerst gemäss den uhrmacherischen Anforderungen entwickelt werden. Sie müssen widerstandsfähig gegen Vibrationen, Stösse und Temperaturschwankungen sowie auch lange beständig sein. Kritisch war zudem die Ermittlung des exakten Flüssigkeitsvolumens in den beiden Tanks: "Das Gesamtvolumen im geschlossenen Kreislauf muss auf den Mikroliter passen", so Berdoz. Darüberhinaus entwickelte HYT ein spezielles System für das Einstellen der Uhrzeit. Es verhindert, dass die Flüssigkeiten zu schnell fliessen und sich vermischen. Auch das mechanische Uhrwerk musste von Grund auf entwickelt werden, weil die Tanks mit den Flüssigkeiten einen beträchtlichen Teil des verfügbaren Platzes beanspruchen. Damit wurde die Manufaktur Chronode in Le Locle betraut. Für das Design der Uhr zeichnete das Konstruktionsbüro Etude de Style aus Neuchâtel verantwortlich.

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Die Fachwelt ist begeistert

Ab dem Sommer 2011 wurde das Konzept verschiedenen Uhrenhändlern und Distributoren präsentiert. An der Uhren- und Schmuckmesse Baselworld 2012 war es dann soweit: Die Uhrmacher von HYT konnten dem staunenden Publikum mit der H1 die erste mechanisch-fluidische Hybriduhr der Welt präsentieren. Sie kostet je nach Ausführung zwischen 43'000 und 65'000 Franken. "Obwohl wir die Uhr noch nicht liefern konnten, haben viele Händler und Sammler ihre Exemplare gleich an Ort und Stelle vorausbezahlt. Das ist in der Uhrenindustrie nicht üblich", erklärt Berdoz. Bereits tüfteln die Gestalter an den Nachfolgemodellen H2, H3 und H4. Das Zielpublikum sind hauptsächlich Sammler und "Watch Afficionados" aus der ganzen Welt. Das neuartige Konzept sowie die interessante Aktionärsbasis hat auch die SVC-AG für KMU Risikokapital überzeugt. Bereits zu einem sehr frühen Zeitpunkt hat sie HYT unter anderem aufgrund der vielen Vorbestellungen eine Seed-Finanzierung gewährt. Dazu kam später eine Wachstumsfinanzierung, damit das Unternehmen das Potenzial seiner Innovation voll nutzen kann. "Die Beteiligung der SVC ist für uns auch deshalb wichtig, weil ein solcher renommierter Investor die Tür für andere Geldgeber öffnet", bemerkt Berdoz. "Mit der Fluidmechanik haben wir der Uhrmacherwelt ein neues Ausdrucksmittel geschenkt", fährt er fort. Doch der leidenschaftliche Unternehmer und sein Team haben noch ganz anderes vor: Bei der Entwicklung und Konstruktion der H1 haben die Ingenieure nämlich auch ein einzigartiges Know-how im Bereich der Mikrofluidik – dem Verhalten von Flüssigkeiten auf kleinstem Raum – erworben. Dafür konnten verschiedene Patente angemeldet werden. "Unsere Technologie könnte künftig etwa für präzise Injektionen im Medizinalbereich oder für die Diffusion von Duftstoffen eingesetzt werden", blickt Berdoz optimistisch in die Zukunft.

Die Uhrenmanufaktur HYT ist im August 2011 eine Partnerschaft mit der SVC AG eingegangen. Wie kam es zu dieser Zusammenarbeit?

Savioz: Das breite Medienecho über die Gründung der SVC AG hat damals unsere Neugier geweckt. Wir hatten eben H1, den ersten Prototyp unserer Uhren, entwickelt und schauten uns nach einem soliden Partner um. Nach ein paar Erkundigungen im Bekanntenkreis mit durchwegs positivem Echo kontaktierten wir die SVC AG.

Und wie haben Sie diesen ersten Kontakt erlebt?

Savioz: Bereits das erste Telefongespräch war sehr ergiebig und bestärkte unsere Wahl. Wir zögerten daher nicht, unsere Unterlagen, darunter auch vertrauliche, offen auf den Tisch zu legen, und fassten gegenseitig rasch Vertrauen zueinander.

Suter: Wir erhalten pro Woche 10 bis 15 Anfragen von Unternehmern aus allen Branchen. Die Anfrage von HYT war für uns sehr spannend. 

Was zeichnet HYT denn besonders aus?

Suter: Uhren sind generell ein sehr emotionales Produkt. Der Prototyp von H1 hat uns auf den ersten Blick begeistert. Die Kombination von Mechanik und Flüssigkeit ist eine absolute Weltneuheit! Ein geniales und höchst innovatives Schweizer Qualitätsprodukt also, das zudem von

einem erfahrenen und professionellen Management-Team betreut und weiterentwickelt wird. Ausschlaggebend war aber auch das aussergewöhnlich starke Echo der Uhrenbranche, als HYT 2012 ihre Uhr erstmals der Öffentlichkeit präsentierte.

Savioz: Das grosse Interesse hat selbst uns überrascht. Viele Händler und Sammler haben ihre Exemplare gleich an Ort und Stelle bestellt und vorausbezahlt. Das ist in der Uhrenindustrie nicht üblich.

Suter: Hinzu kommt, dass eure Uhren bis auf Weiteres ausser Konkurrenz stehen. Savioz Stimmt genau, die technische Hürde ist sehr hoch. Für Investoren besonders attraktiv ist zudem unser Patentportfolio, also das gesamte Know-how, das wir im Kontext dieser Erfindung generieren konnten und das in Zukunft auch in medizinaltechnischen Bereichen verwendet werden könnte.

Gemäss ihren Richtlinien investiert die SVC AG nur in wenige Start-up-Unternehmen und verlangt üblicherweise Marktakzeptanz.

Suter: Die liegt bei HYT aufgrund der positiven Reaktion der Uhrenindustrie auf den Prototyp H1 auch vor. Aber es ist richtig, dass wir in einer frühen Phase der Unternehmensbildung eingestiegen sind.

Savioz: Für viele Hightech-Pioniere übrigens eine sehr delikate Phase. Die erste Million kommt vielleicht noch mit Hilfe von Bekannten und Privatinvestoren zustande, doch danach braucht es Partner, die an das Team und das Produkt glauben und in das Unternehmen investieren.

Was waren aus Ihrer Sicht als Jungunternehmer denn bisher die grössten Herausforderungen?

Savioz: Zunächst war es das Produkt selbst. Unsere Uhren sind sehr komplex und konfrontierten unsere Spezialisten in der Entwicklungsphase immer wieder mit technisch anspruchsvollen Fragen. Jetzt, da wir in der Produktionsphase stecken, liegt der Knackpunkt bei den Lieferanten. Wird zu spät oder in schlechter Qualität geliefert, beeinträchtigt das den ganzen weiteren Produktionsverlauf.

Inwiefern konnten Sie dabei von der Unterstützung der SVC AG profitieren?

Savioz: Um die Fehlerquote auf ein Minimum zur reduzieren, ist Sorgfalt in unserem Metier von höchster Relevanz. Das braucht Zeit. Zeit, die uns die SVC AG mit ihrer langfristigen Perspektive auch zugesteht.

Suter: Wir sind zum Glück in der privilegierten Lage, alle unsere Investitionsentscheide mit einer ausgeprägt langfristigen Optik fällen zu können, da wir weder Dividenden noch andere Kapitalrückzahlungen an unsere Muttergesellschaft Credit Suisse leisten müssen. Das entspannt die Finanzplanung unserer Partner auf jeden Fall.

Was unterscheidet die SVC AG sonst noch von anderen Risikokapital-Investoren?

Suter: Unser oberstes Ziel ist, durch finanziell nachhaltige Investitionen zusammen mit dem Unternehmen Arbeitsplätze zu schaffen oder zu erhalten und so den Werkplatz Schweiz zu stärken. Das ist in der Schweiz einmalig.

Savioz: Die SVC AG ist dabei viel mehr als einfach ein Geldgeber. Sie ist auch ein Türöffner zu weiteren Investoren. Dank der Unterstützung von Johannes und seinem Team konnten wir zum Beispiel eine sehr gute Verbindung zur Credit Suisse in Lausanne aufbauen.

Suter: Ein weiterer Unterschied zu anderen Risikokapital-Investoren besteht darin, dass die SVC AG von ihren Geldgebern unabhängig ist und den Partnerunternehmen hilft, die richtigen Akzente setzen zu können.

Savioz: Diesen Aspekt schätzen wir besonders. Mit der SVC AG konnten wir einen Partner gewinnen, der wirklich an der Entwicklung unseres Unternehmens interessiert ist und unsere Bedürfnisse versteht. 

Die Unternehmen profitieren offensichtlich von mehr als der Kapitalauszahlung.

Suter: Absolut – und Türöffner ist ein wichtiges Stichwort, Emmanuel. Als Minderheitsaktionär oder Darlehensgeber sehen wir uns primär in der Rolle des Vermittlers. Dabei greifen wir regelmässig auf unser umfangreiches und dank der Credit Suisse auch globales Netzwerk zurück.

Savioz: Von diesem Netzwerk haben wir schon mehrmals proftiert. Im Moment suchen wir zum Beispiel neue Räume für unsere Firma und sind froh, dass wir dieses Anliegen bei euch deponieren durften.

Den Werkplatz Schweiz zu stärken, ist ein zentrales Anliegen der SVC AG. Was bedeutet für Sie der Standort Biel beziehungsweise die Westschweiz?

Savioz: Als Uhrenmanufaktur ist die Westschweiz der ideale Standort, da hier die notwendigen Fachkräfte sowie die Lieferanten direkt vor Ort zu finden sind. Für Biel spricht zudem sein Wirtschaftsförderungsprogramm und die staatliche Unterstützung durch den Kanton Bern.

Suter: Wichtiger als die regionale Zugehörigkeit sind für uns ganz klar das Unternehmen und sein Produkt selbst. Interessanterweise tätigten wir jedoch sechs der ersten zehn Investitionen in der Westschweiz.

Wie zentral ist Ihrer Ansicht nach dabei das Label «Swissness» für den Schweizer Markt?

Savioz: Swissness steht ganz klar für höchste Qualität und Innovation. Der Schweizer Markt kann und will nicht mit günstigen Uhren auf sich aufmerksam machen, und genau darin liegt unsere Wettbewerbsfähigkeit.

Suter: Das sehe ich auch so. Die Uhrenindustrie ist dabei ein Musterbeispiel, wie sich die Schweiz im globalen Wettbewerb behaupten kann.

Die SVC AG ist seit drei Jahren aktiv. Wo sehen Sie in nächster Zeit die grössten Herausforderungen?

Suter: In der Schweiz werden rund 70 000 KMU von Unternehmern geführt, die über 65 Jahre alt sind. Leider kommt es allzu häufig vor, dass Arbeitsplätze verloren gehen, weil Nachfolgelösungen nicht finanziert werden können. Hier wollen wir uns als geeignete Partner vorstellen. Eine erfolgreiche Nachfolgeregelung ist in unseren Augen ebenso relevant für den Werkplatz Schweiz wie die Unterstützung von Jungunternehmern.

Savioz: Gut zu wissen. Wir melden uns in dem Fall in 30 Jahren wieder (beide lachen).

Und in naher Zukunft: Wie sehen da Ihre gegenseitigen Erwartungen aus?

Savioz: Wir wollen mit der konstruktiven Zusammenarbeit fortfahren und liefern, was wir versprochen haben.

Suter: Am Ende ist es wie in einer guten Beziehung: Es ist ein Nehmen und Geben und muss für beide Seiten stimmen. Für mich persönlich ist es extrem befriedigend, ein junges Unternehmen wie HYT zu begleiten und zu erleben, wie sie sich im Markt behaupten. Wir dürfen Teil dieser Reise sein und ich freue mich jetzt schon auf den Moment, in dem wir die Uhren von HYT in den Schaufenstern der Läden sehen werden und ein weiteres Stück Schweizer Pioniergeist in die Welt hinausstrahlt.

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