Vollendet
Preciflex AG

Flüssig in Bewegung

Dank der Erfindungen von Preciflex gelang dem Uhrenhersteller HYT eine Revolution: Eine farbige Flüssigkeit bewegt sich in der Uhr und zeigt exakt die Zeit an. Zwanzig Patente hat das umtriebige Unternehmen aus Neuenburg in den ersten drei Jahren seines Bestehens angemeldet, und die Ideen gehen ihm noch lange nicht aus.

«Mastering Micro-Fluids Motion» beschreiben Sie selbst Ihre Tätigkeit. Wozu bewegen Sie Flüssigkeiten in kleinsten Mengen?

Lucien Vouillamoz (LV), Erfinder der Flüssigkeitstechnologie und Mitbegründer von Preciflex

Beispielsweise, um die Zeit anzuzeigen. Für HYT haben wir das Schlüsselelement seiner Uhren entwickelt, die Flüssigkeitsapplikation. Sehr bald haben wir gemerkt, dass man ähnliche Technologien in vielen anderen Bereichen anwenden könnte

Sind das auch Bereiche, in denen Flüssigkeiten ursprünglich verpönt waren?


Grégory Dourde (GD), CEO
Nicht unbedingt. Verwandt mit der Uhr sind unsere Armaturenbrettanzeigen für Fahrzeuge, wo mit leuchtend farbiger Flüssigkeit Geschwindigkeit oder Umdrehzahl angezeigt werden. Anders im Bereich der Medizinaltechnik: Hier spielten Flüssigkeiten vorher schon eine Rolle, doch wir haben neuartige Injektoren entwickelt, um Quantitäten im Mikrobereich kontrolliert zu bewegen. Nächstes Jahr werden die ersten Prototypen einer spezifischen Anwendung für Diabetikerkatzen getestet.

Für Katzen? Besteht da ein Bedürfnis?

GD
Sogar ein sehr grosses. In Nordamerika und Europa werden insgesamt etwa eine Million Katzen wegen Diabetes behandelt. Jeder, der schon einmal eine Katze hatte, weiss: Es gibt Angenehmeres, als einer Katze eine Spritze zu versetzen. Umso wertvoller sind deshalb unsere Mikroinjektoren, die die genau benötigte Insulinmenge schmerzfrei injizieren.

Ist die Veterinärmedizin nicht zu weit weg von der Uhrenindustrie, sodass die Gefahr besteht, sich zu verzetteln?

LV
Die eigentliche Branche ist für uns nicht so wichtig, weil wir ja Technologien für diverse Anwendungsfelder liefern. Vorausgesetzt, die Tätigkeit ist ethisch vertretbar, sind alle Einsatzgebiete interessant, wo allerkleinste Mengen von Flüssigkeiten kontrolliert transportiert werden müssen. Einige unserer Mitarbeitenden hätten ihren Vertrag nicht unterzeichnet, wenn wir «nur» für das Luxussegment tätig wären. Sich in unterschiedlichen Gebieten einbringen zu können, ist jedoch bereichernd, und unsere Arbeit im Medizinalbereich vermittelt Sinn. Interessant ist eine Diversifizierung auch aus ökonomischer Sicht: Unsere Produkte haben unterschiedlich lange Wege zur Marktreife. Im Luxussegment sind diese relativ kurz, weil hier sehr wenig reguliert ist. In der Humanmedizin zieht sich der Prozess mit den ganzen klinischen Tests über Jahre, in der Veterinärmedizin ist man etwas schneller. Wären wir nur im medizinischen Bereich tätig, hätten wir anfangs eine sehr lange finanzielle Durststrecke
durchstehen müssen.

Preciflex_2.jpg

Von wem stammen die vielen Ideen für neue Produkte?

GD
Lucien ist unser Chief Innovation Officer; er ist einer, der wild Ideen hervorbringen kann.

LV
Ich führe eine persönliche Liste all meiner Projektideen und momentan befinde ich mich bei Nummer 270. Preciflex war die Nummer 103 und HYT die 181. Viele Ideen entstehen aber auch aus Gesprächen im Team oder, noch wichtiger, kommen von einzelnen Mitgliedern.

Wie kann man Innovation fördern und wie geht man damit um?

GD
Was absolut nicht geht, ist die Leute an einen Tisch zusammenzurufen und zu sagen: «So, jetzt seid mal innovativ!» Das wird nie funktionieren. Innovation hat mit Mentalität, mit Teamkultur zu tun. Man benötigt eine gewisse Freiheit, um Ideen zu haben und sie dann auch anzubringen. Wenn jemand eine schlechte Idee bringt, hat das keine negativen Konsequenzen. Wir versuchen deshalb, unsere Leute herauszufordern und zu ermutigen ...

LV
Wir bilden unsere Angestellten auch weiter, damit sie wissen, wie man Ideen umsetzen kann. Chaos ist willkommen in der Kreation, das Chaos ist nicht selten der Ort, wo sich Ideen zeigen.

GD
Das ist richtig, allerdings darf es nicht zu chaotisch sein. Einige klar definierte Prozesse innerhalb des Unternehmens sind nötig, damit man die Orientierung nicht verliert.

LV
Genau. Und man muss gute Ideen auch verwerfen können, wenn sie in einer ersten Analyse eine Reihe wichtiger Kriterien nicht erfüllen – beispielsweise, wenn sie hauptsächlich der Freude ihres Entdeckers dienen. Innovation kostet sehr viel Geld, und man muss die Weisheit haben, sich auf Schlüsselprojekte zu fokussieren.

GD
Wir sind ja keine Künstler. Auch wenn wir aus der Innovation geboren wurden und weiter durch sie wachsen – unsere Aufgabe ist es am Ende, Mehrwert zu generieren

Man muss gute Ideen auch verwerfen können, wenn sie in einer ersten Analyse eine Reihe wichtiger Kriterien nicht erfüllen.

Was bedeutet die Schweiz als Denk- und Werkplatz für Preciflex?

GD
Der Standort Schweiz trägt entscheidend zu unserem Erfolg bei. Wir haben hier einen Nährboden für talentierte Menschen. Das Ausbildungssystem ist nicht nur auf akademischem Niveau hervorragend, sondern bringt auch auf der Ebene der Berufsbildung Leute hervor, die eine solide Ausbildung haben und sehr präzise Arbeit verrichten können. Wir sind auf Mitarbeitende beider Kategorien angewiesen. Zudem sind die Löhne auf allen Stufen sehr gut. Diese Faktoren tragen dazu bei, dass es in der Schweiz überdurchschnittlich viele Unternehmen gibt, die exzellent sind. Gleichzeitig sollten wir uns in der Schweiz auch nicht einfach zurücklehnen, denn gerade in der Uhrenbranche kommen massive Veränderungen auf uns zu. Jedes Unternehmen muss sich Gedanken darüber machen, wo seine Innovationskraft liegt. Wer sich nicht bewegt, endet sonst möglicherweise in einer Sackgasse.

LV
Zu unseren Angestellten möchte ich ergänzen, dass keineswegs alle aus der Schweiz stammen. Wir sind 23 Leute aus zehn Nationen. Gerade wenn man etwas Neues, Hochspezialisiertes macht wie wir, braucht man kompetente Spezialisten, von denen es weltweit manchmal nur ganz wenige gibt. Einen Spezialisten für Flüssigkeiten zu finden, war beispielsweise nicht einfach. Unser Mann auf diesem Gebiet kommt aus Kanada, hat aber an der ETH Lausanne studiert, genau wie unsere Chemie-Expertin aus Argentinien, die anschliessend noch am Max-Planck-Institut einen PhD gemacht hat. Die sorgfältige Selektion unserer Mitarbeitenden ist enorm wichtig – da landen wir ganz schnell wieder beim Thema von vorhin, der Innovation: Diese entsteht ja nicht aus dem Nichts, sondern unter anderem auch aus dem Zusammenbringen der klügsten Köpfe aus unterschiedlichsten Bereichen.

Preciflex_3.jpg

Und diese Leute kommen gerne in die Schweiz?

LV
Ja, sie wollen gefordert sein, und die Umgebung hier ist sehr attraktiv. Wir sind vor Kurzem von Biel nach Neuenburg gezogen, obwohl wir in Biel sehr gute Konditionen genossen. Doch die meisten unserer Mitarbeitenden leben in Neuenburg und Umgebung. Stadt und Kanton Neuenburg haben uns ebenfalls sehr zuvorkommend willkommen geheissen. Das politische und finanzielle Setting sind somit weitere Punkte, die die Schweiz als Standort sehr attraktiv machen.

GD
Das ist richtig, und auf dem Finanzplatz Schweiz gibt es Unternehmen wie die SVC AG, die wirklich aussergewöhnlich sind und für uns ein echter Glücksfall.

Was macht die SVC AG denn so speziell?

GD
Die SVC AG ist viel mehr als ein Kapitalgeber. Als Aktionärin sitzt sie bei uns als Beobachterin im Verwaltungsrat und lässt diesen unternehmerischen Geist einfliessen. Sie interessiert sich aber nicht nur für Zahlen, sondern die Vertreter bemühen sich ganz aktiv, unser Geschäft wirklich zu verstehen, uns zu unterstützen, und sie sind ganz selbstverständlich in strategische Diskussionen involviert. Für mich ist das neu, so eine Partnerschaft habe ich bisher nie erlebt und finde sie sehr wertvoll.

Besteht da nicht das Risiko einer zu grossen Bevormundung?

LV
Nein, bis jetzt erstaunlicherweise überhaupt nicht. Wirklich im Gegenteil: Die SVC AG als Aktionär und Partner bringt wertvolle Ideen und Meinungen, die sehr interessant sein können. Beispielsweise haben sie uns auf eine spannende Studie im Uhrenmarkt aufmerksam gemacht. Oder sie unterstützen uns bei der sorgfältigen Prüfung potenzieller Partner. Nicht zu vernachlässigen ist der Prestigefaktor, also dass die SVC AG uns für unterstützungswürdig hält und über uns spricht. SVCist nicht Geld allein, sondern Unterstützung, Netzwerk – «Smart Money» eben

Dies könnte Sie auch noch interessieren: