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SELFRAG: Künstliche Blitze entschärfen Rohstoff-Sorgen

Absolut reines Glas, klar datierte Gesteine, grössere Diamanten, hundertprozentig wieder verwertbarer Beton und Metallschrott, höhere Erzausbeute im Bergbau – und dies alles bei reduziertem Energieeinsatz: Die Fragmentierungstechnologie der 2007 gegründeten SELFRAG AG aus Kerzers eröffnet im Kampf gegen die Rohstoffverknappung neue, zuversichtlich stimmende Perspektiven.

Tonnenweise wird Gestein aus den weltweit grössten Minen in Mexiko, Kanada, Südafrika oder Russland zur Selfrag nach Kerzers transportiert. Der Name des Unternehmens ist gleichzeitig sein Programm: selektive Fragmentierung. „Mit der enormen Kraft künstlicher Blitze gelingt es uns, Gesteine in seine natürlichen Komponenten zu zerlegen“, führt Geschäftsführer Frédéric von der Weid aus. „Daraus ergeben sich vier aus ökologischen und ökonomischen Überlegungen heraus höchst interessante Vorteile gegenüber allen herkömmlichen Verfahren: Wir benötigen deutlich weniger Energie, die vorhandenen Rohstoffe sind zu hundert Prozent wieder verwendbar, sie sind unbeschädigt und makellos rein.“

100 Tonnen pro Stunde als Ziel

Wer sich vergegenwärtigt, dass Edelsteine wie Diamanten oder seltene Rohstoffe wie Uran, Coltan oder Seltene Erden im Zentrum des Interesses liegen können, und die Fragmentierungsmethode darüber hinaus auch beim Recycling von Metallschrott oder Beton anwendbar ist, erkennt schnell, welch riesiges Potenzial in diesem Schweizer KMU steckt. Die Selfrag kann einen grossen Teil der immer akuter werdenden weltweiten Rohstoffprobleme in den Griff zu bekommen helfen. Und der Haken bei dieser Geschichte? „Kein Haken“, lacht von der Weid. „Die technische Erfindung ist gemacht. Nun gilt es, Ingenieursfragen zu lösen, damit wir in die gewünschte Dimension vorstossen können. Um unser Verfahren beim Minenabbau sinnvoll anwenden zu können, müssen unsere Maschinen jedoch nicht nur ein paar Kilos, sondern rund 100 Tonnen pro Stunde und damit im Jahr rund 700'000 Tonnen verarbeiten können.“

Die Minenbetreiber glauben, wie viele andere auch, an die Macht der künstlichen Blitze – und können es doch nicht recht glauben. Ist die selektive Fragmentation wirklich bei allen Gesteinskompositionen und speziell natürlich für die komplexe Zusammensetzung des Materials der eigenen Mine anwendbar? Und funktioniert dieses Verfahren auch in der Praxis und nicht nur bei kleinen Versuchen im Labor? Die Versuche mit immer grösseren Mengen verlaufen jedenfalls so viel versprechend, dass die Bestellbücher für 2014, wenn gemäss Marschtabelle die entsprechenden Grossmaschinen produziert werden, schon weitgehend gefüllt sind.

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Schockwellen durch unvorstellbar grosse Spannungen

Die Funktionsweise der Selfrag-Maschinen kann relativ einfach erklärt werden: Künstliche Blitze bis zu 400'000 Volt durchfliessen das Material und stossen an jeder Grenzfläche auf erhöhten Widerstand. Dadurch wird dort eine Schockwelle ausgelöst, die bewirkt, dass die unterschiedlichen Bestandteile mechanisch voneinander getrennt werden. Der dazu nötige Strom ist fast zweitausend Mal stärker als jener aus der Steckdose, und transportiert wird er mittels Wasser, dies jedoch in einer Geschwindigkeit, bei der die für den Menschen tödlich wirkende Leitfunktion des Wassers nicht zum Tragen kommt. Dies veranschaulicht, dass hinter der Fragmentierungstechnologie ein Know-how erster Güte steckt.

Dabei hat alles relativ bescheiden begonnen, als ein Langenthaler Maschinenbauunternehmen nach Möglichkeiten für ein effizienteres Betonrecycling suchte, weil der darin vorkommende Kies immer mehr zur teuren Mangelware wird. „Die Technologie entdeckten die Forscher der Ammann-Gruppe im Jahr 2000 am Forschungszentrum in Karlsruhe“, erklärt Frédéric von der Weid, der selbst ein an der ETH Lausanne ausgebildeter Ingenieur ist. Nach und nach zeigte es sich, dass diese Technologie den Bau von Maschinen für ganz verschiedene Branchen ermöglicht. So entschloss sich Johann Schneider-Ammann, damals Nationalrat und CEO des Familienunternehmens, die Technologie in die 2007 gegründete Selfrag auszulagern, an welcher er beteiligt blieb.

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Ein idealer Firmenstandort

Als Firmenstandort wurde Kerzers gewählt – in Pendeldistanz zu Langenthal, denn etliche Ammann-Mitarbeiter wechselten zum neuen KMU, aber doch weit genug entfernt, damit die Nabelschnur wirklich durchgetrennt würde, erklärt Frédéric von der Weid, Geschäftsführer der Selfrag von der ersten Stunde an. Für Kerzers sprach auch die Nähe zu verschiedenen wichtigen Universitäten und deren Forschungsabteilungen – zu den Universitäten Bern, Freiburg und Neuenburg und natürlich zu den beiden etwa gleich weit entfernten Technischen Hochschulen ETH Zürich und EPFL Lausanne. Schliesslich zeigte auch, wie von der Weid betont, die Wirtschaftsförderung des Kantons Freiburg das grösste Interesse an einer Ansiedlung.

Sprachen wir eingangs vom grossen Coup, der auf Anfang 2014 geplanten ist, so gilt es darauf hinzuweisen, dass die Selfrag bereits in zwei Dimensionen den kommerziellen Durchbruch geschafft hat. Im Rahmen eines KTI-Projekts mit dem Institut für Geologie in Bern wurden bereits Laborgeräte entwickelt, welche beispielsweise bei der genauen Altersbestimmung von Gesteinen behilflich sind. Nach diesen Kaffeeautomaten ähnlichen Maschinen konnten 2010 auch bereits die nächst grösseren Maschinen entwickelt werden, welche die Fragmentierung von rund 200 bis 2000 Tonnen Material pro Jahr zulassen und beispielsweise beim Recycling von reinem Glas angewandt werden.

Standort Kerzers scheint gesichert

Die Selfrag beschäftigt derzeit rund 30 Mitarbeitende und will nach und nach etwa 50 weitere Stellen schaffen. Am jetzigen Standort im Industriequartier in Kerzers können auch die sich abzeichnenden räumlichen Vergrösserungen vorgenommen werden.

Nach Ammann Schweiz AG, den Affentranger Associates (der Risikokapitalgesellschaft von Implenia-Verwaltungsratspräsident Anton Affentranger) sowie einigen privaten Investoren hat sich im März 2011 auch die SVC-AG für KMU Risikokapital an der Finanzierung der Selfrag – in der Gesamthöhe von 24,4 Millionen Schweizer Franken – mitbeteiligt.

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